Bilderleiste
Geschichte der Evangelischen Jugendhilfe Schweicheln - Woher kommen wir?

Für den chonologischen Überblick zur Entwicklung der Ev. Jugendhilfe Schweicheln, schauen Sie doch bitte auf diese Seite.

1876 bis 1988 - "Kurzer Abriss der Geschichte der Jugendhilfe Schweicheln" von Eva-Maria Eggert

Die Anfänge der Evangelischen Jugendhilfe Schweicheln liegen im Diaspora-Waisenhaus "Zum guten Hirten" in Bethel. Der Anlass, unterhalb des Diakonissenhauses Sarepta eine Herberge für Waisenkinder einzurichten, war, dass man um Weihnachten 1876 einige kleine Patienten des Sarepta-Krankenhauses nicht ins häusliche Elend entlassen wollte. Diese Waisen, Halbwaisen, Kinder von Inhaftierten, Prostituierten und Invaliden sollten in Bethel Unterkunft, Verpflegung und christliche Erziehung erhalten. Im 19. Jahrhundert gab es infolge der Industrialisierung und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzung ein großes Kinderelend in den westfälischen Industriestädten. Primitive Wohnverhältnisse, gezwungene Lohnarbeit für die ganze Familie, mangelnde Absicherung bei Krankheit, Invalidität, Erwerbslosigkeit und Todesfall kennzeichneten die Notlage der Arbeiterfamilien.

Die Lebensbedingungen der Kinder waren besonders schwierig:

Wenn sie nicht in der Fabrik mitarbeiten mussten, waren sie ganz auf sich allein gestellt. Die Eltern hatten neben der bis zu 16-stündigen Arbeit kaum Zeit und Energie für die Erziehung des Nachwuchses übrig. Die Kinder lebten oft auf der Straße und wurden auch durch die Straße erzogen. Wenn ein Elternteil starb oder arbeitsunfähig wurde, war das Elend für die Kinder noch größer, denn eine staatlich institutionalisierte Armenfürsorge bzw. soziale Absicherung existierte noch nicht. Im Minden - Ravensberger Raum, wo der Wichernsche Gedanke der Inneren Mission bei den Erweckten Christen einen fruchtbaren Boden gefunden hatte, waren seit 1850 in Privatinitiative einige kleine Anstalten entstanden, die sich des Kinderelends und der Jugendverwahrlosung annahmen. Das Diaspora-Waisenhaus in Bethel nahm in den ersten Jahren nur kleinere Kinder auf - meist Halbwaisen, die nach wenigen Wochen an geeignete Familien weitervermittelt wurden.

Das Hauptanliegen der Waisenhausarbeit lag darin, die kleinen Kinder aus der Zerstreuung (Diaspora) zu sammeln, sie dem evangelischen Glauben zuzuführen und sie zu nützlichen und arbeitsamen Gliedern der Gesellschaft zu erziehen.

Geleistet wurde diese Arbeit von den Diakonissen Sareptas, die sich in der Ausbildung zur Kleinkinderlehrerin befanden. Die Kinder kamen größtenteils aus der Diaspora der westfälischen Industriestädte, wo viele Arbeiterfamilien, bedingt durch die Auflösung alter Werte, die traditionellen religiösen Bindungen gelöst hatten. Die beiden großen Kirchen waren darum bemüht, die neue Arbeiterschicht an sich zu binden und nicht dem Einfluss des als staatsfeindlich und atheistisch betrachteten Sozialismus preiszugeben.

Bei ihrem Werben um die einzelnen Seelen traten die Kirchen in eine Konkurrenz zueinander, die sich auch bei der Aufnahme der Kinder in das Waisenhaus bemerkbar machte. Im Laufe der Zeit füllte sich das Waisenhaus mit Kindern aus Westfalen, benachbarten Provinzen und sogar aus dem Ausland. Sie wurden über das sich aufbauende Netz der Inneren Mission nach Bethel geschickt. Gemeindeschwestern und Vormünder brachten Kinder persönlich ins Waisenhaus oder sie wurden Hausvater Krekeler auf seinen Reisen anvertraut. Finanziert wurde das Waisenhaus durch die Pflegegelder der Eltern und Armenverwaltungen, zu einem großen Teil jedoch durch Spenden und Sammlungen.

Der Erziehungsverein

1893 wurde ein neues Waisenhaus, das Eckardtshaus im Zionswald bezogen. Der Umzug in das größere Gebäude war wegen ständig steigender Waisenzahlen notwendig und durch Spenden - vor allem der Witwe Eckardt - finanziell möglich geworden. Die Leitung von Bethel bzw. Sarepta, die bis dahin die Waisenhausarbeit getragen hatte, übergab die Trägerschaft in einem mehrschrittigen Prozess an den Evangelisch - kirchlichen Erziehungsverein der Provinz Minden-Ravensberg. Pastor Siebold, seit 1887 Vorsteher des Waisenhauses, übernahm den Vorsitz des Erziehungsvereins. Der Erziehungsverein war gegründet worden, um die evangelische Erziehungsarbeit in Minden-Ravensberg organisatorisch zu vereinheitlichen und das Problem der zunehmenden Jugendverwahrlosung in dieser Region wirksamer zu bewältigen. Nun wurden Kinder im Alter bis zu 12 Jahren aufgenommen und weitervermittelt. Der Verein behielt die Aufsicht über die Erziehung der Kinder in den Pflegefamilien. Durch eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit wurden staatliche und kirchliche Instanzen auf die Existenz und Aufgabenstellung des Vereins aufmerksam gemacht.

Mit dem Inkrafttreten des Fürsorgeerziehungshauses von 1900 erweiterte sich die Gruppe der zu betreuenden Jugendlichen um die Fürsorgezöglinge. Die Provinzialbehörde Westfalens überwies nun auch Fürsorgezöglinge in die Fürsorgeerziehung des Erziehungsvereins. Der Verein dehnte daraufhin seine Arbeit auf die ganze Provinz aus, um eine evangelische Zentralstelle für die Ausführung des Gesetzes zu schaffen. Bald war auch das Eckardtshaus für den ständig wachsenden Zustrom von Fürsorgezöglingen zu klein. Der Verein richtete daher 1906 die Anstalt Fichtenhof in der Senne für die schulentlassenen männlichen Fürsorgezöglinge ein.

Ablösung von Bethel und Aufbau in Schweicheln

Angesichts steigender Einweisungen von Fürsorgezöglingen sah sich der Erziehungs verein gezwungen, ein weiteres Erziehungshaus einzurichten. Siebold führte mit der Leitung von Bethel und Sarepta Verhandlungen über den Ankauf eines Grundstücks in Bethel. Sarepta lehnte ab, weil es kein Grundstück entbehren konnte und Bethel willigte unter der Bedingung ein, dass ein Mitglied des Bethel- Vorstandes in den Vorstand des Erziehungsvereins aufgenommen werden sollte und dass es ein Veto-Recht bei der Einstellung des Personals erhalten sollte. Siebold lehnte diese Bedingungen ab und veröffentlichte seine Argumente in den "Mitteilungen des Evangelisch - kirchlichen Erziehungsvereins". Dies führte zu Spannungen zwischen Bodelschwingh und Siebold und letztlich hielt man eine Trennung des Erziehungsvereins von Bethel für die beste Lösung. Siebold bemühte sich darum, den Eickhof in Schweicheln als Ausweichort zu erwerben. Der Eickhof - zuvor als Heim für Geisteskranke genutzt - war auch deshalb interessant, weil er ländlich abgeschieden lag, weit entfernt von den Einflüssen der Großstadt, die nach damaliger Sicht einen schädlichen Einfluss auf die Kinder und Jugendlichen hatte. Landluft, Landarbeit und Handwerk sollten Kraftquellen zur Stabilisierung der Waisen und Zöglinge werden.

Im April 1911 zogen die Mädchen und Jungen des Eckardtshauses mit den Diakonissen nach Schweicheln um. Der Eickhof wurde als Waisenhaus für schulpflichtige Mädchen und Jungen eingerichtet: Aus dem Herrenhaus wurde die Unterkunft für die Diakonissen und die Kleinkinderstation, aus dem Pferdestall ein Erziehungshaus für Jungen (Wichernhaus) und aus dem Kuhstall eine Kapelle. 1912 erwarb der Erziehungsverein die ehemalige Schäferei des Eickhofs auf dem Homberg und baute den Hof durch die Einrichtung eines neuen Fürsorgehauses und den Umbau der Scheunen zu einem landwirtschaftlichen Erziehungsheim für schulentlassene Jungen um.

Ein Jahr später, 1913, folgte der Kauf des Buchenhofs für schulentlassene Jungen. Zu der ungewöhnlichen Expansion kam es, weil der Fichtenhof - wie auch alle anderen Fürsorgeheime Westfalens - chronisch überbelegt war. In den folgenden Jahren war ein noch größerer Zustrom von Fürsorgezöglingen zu erwarten und deshalb nahm der Verein nach Rücksprache mit dem Landeshauptmann die Ausweitung der Arbeit in Kauf. Die drei Höfe hatten von Anfang an eine unterschiedliche Struktur und führten seit ihrem Bestehen ein relativ getrenntes Leben voneinander. Auf dem Eickhof lebten schulpflichtige Kinder und auch schulentlassene Mädchen. Der Homberghof war landwirtschaftlich ausgerichtet, der Buchenhof handwerklich-industriell. In den beiden Scheunen des Buchenhofes richteten auswärtige Firmen eine Korbmacherei und eine Schlossfabrik ein.

Nachdem man sich kaum auf den Höfen einrichtet hatte, brach der erste Weltkrieg aus. Viele Burschen und Erzieher meldeten sich freiwillig zu den Waffen und fanden auf dem Schlachtfeld den Tod. Die Betriebe des Buchenhofs stellten sich auf Kriegswirtschaft um und produzierten z.B. Granatkörbe und Geschosshülsen. Einige Stationen des Eickhofs wurden für ein Lazarett zur Verfügung gestellt und die Waisenkinder in Schweichelner Familien untergebracht.

Das Leben in den Heimen

Pädagogik im heutigen Sinne gab es nicht. Die Kinder und Jugendlichen wurden in erster Linie beaufsichtigt und verwahrt. Das Leben auf den Höfen kreiste um die beiden Pole des Gebets und der Arbeit. Beten und Arbeiten sollte die Kinder und Jugendlichen zu tugendsamen und arbeitsamen Gliedern der Gesellschaft erziehen.

Auf dem Homberghof arbeiteten die Jungen in der eigenen Landwirtschaft, in einer kleinen Besenwerkstatt und im hauswirtschaftlichen Bereich. In den ersten Jahren machten sie auch Planierungsarbeiten für das Hofgelände und Bodenmeliorationen. Auf dem Buchenhof arbeiteten die Jungen in den beiden Produktionsbetrieben, versorgten Garten und Vieh und den Haushaltsbereich. Auch auf dem Eickhof arbeiteten die Kinder im Haushalt mit. Sie erhielten gruppenweise kleinere Ämter wie z.B. Kartoffelschälen, Fußbodenreinigen oder Schuheputzen. Die schulentlassenen Mädchen wurden zur Vorbereitung auf ihr späteres Leben als Hausfrau / Mutter oder Dienstmädchen im Kochen, Waschen, Nähen, Bügeln und Flicken geschult und auch zur Beaufsichtigung der Kleinkinder herangezogen. Manche von ihnen waren Dienstmädchen in den Haushalten des Personals. Der zweite Pol des Heimlebens war die Religiosität. Zu den Mahlzeiten wurden Tischgebete gesprochen. Jeden Morgen fand in der Kapelle eine Andacht statt, an Sonntagen ein Gottesdienst. Dies war übrigens eine Gelegenheit für die Jugendlichen der drei Höfe, Kontakt zueinander aufzunehmen. Der Erziehungsstil war autoritär-patriarchalisch; ganz im Geist der Kaiserzeit waren Gehorsam, Ordnung und Disziplin oberste pädagogische Grundsätze. Entsprechend streng waren die Strafmaßnahmen, wenn Gebote übertreten wurden. Das schärfste Erziehungsmittel - etwa bei Entweichungen verhängt - war das Einsperren in Zellen bei Wasser und Brot. Die Prügelstrafe war noch üblich.

Der persönliche Freiraum für den einzelnen Jugendlichen war eng, weil der gesamte Tag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen vorgeplant war und über alle Betätigungen der Jugendlichen ständig Aufsicht geführt wurde. Höhepunkte des Heimlebens waren die Ausflüge, Wanderfahrten und Feste. An Sonn- und Feiertagen unternahmen die Gruppen kleinere Ausflüge, manchmal wurden mehrtägige Wanderfahrten an die Nordsee oder in den Harz durchgeführt. Von allen Festen war Weihnachten das herausragendste für Kinder, Jugendliche und Personal.

Die Heimkinder lebten in "Familien" oder "Stationen" von etwa 20 Mitgliedern. Bei Überbelegung war die Gruppenstärke zum Teil erheblich höher. Auf dem Buchenhof und dem Homberghof hatten die Hauseltern die Hausleitung und die Diakone die Aufsicht über die einzelnen Gruppen. Auf dem Eickhof betreuten Diakonissen die Gruppen. Das Erziehungspersonal kam von der Diakonenanstalt Nazareth und dem Diakonissenhaus Sarepta in Bethel. Eine spezielle Erzieherausbildung hatten sie nicht. Das Personal kam mit dem Anspruch, christlichen Liebesdienst zu leisten.Trotz des mühevollen Einsatzes der Diakonissen konnte das einzelne Kind in den relativ großen Gruppen nur wenig individuelle Zuwendung erfahren. Erst später stellte sich heraus, dass Heimkinder irreparable psychische Schädigungen erhalten können.

Liberalisierung in der Weimarer Republik

Auch in Schweicheln musste man sich erst von dem Schock erholen, dass der Weltkrieg verloren war und die alte staatliche Ordnung zerbrach. Die neue sozialdemokratische Regierung wurde sehr misstrauisch betrachtet, vor allem auch, weil sie die konfessionelle Heimerziehung erstmals ins Kreuzfeuer der Kritik nahm. Der Staat nahm sich mehr als vorher der Fürsorgeerziehung an und trat damit in Konkurrenz zu den konfessionellen Einrichtungen, die bis zur Weimarer Zeit einen erheblichen Teil der Jugendfürsorge institutionalisiert und getragen hatten. Ein neues Jugendwohlfahrtsgesetz wurde verabschiedet, in dessen Rahmen Jugendämter eingerichtet wurden. (1924)

Die Pädagogik als Wissenschaft etablierte sich und geriet ins öffentliche Bewusstsein. In der pädagogischen Reformbewegung der 20er Jahre rückte das Kind mit seinen Bedürfnissen nach Entfaltung in den Mittelpunkt der Diskussion. Die Jugendverwahrlosung wurde nun als Folge sozio-ökonomischer Bedingungen erkannt und nicht mehr der Unfähigkeit der Herkunftsfamilie zur Last gelegt. Die Heimleitung in Schweicheln war sehr verunsichert durch die liberalen Tendenzen und durch die Kritik an der Heimerziehung. Nach anfänglicher Entrüstung und Auflehnung wurde die Kritik später als positiv empfunden, weil sie nach Ansicht des Heimleiters Bellingrodt auch viel Verwertbares enthielt. Die Pädagogik nahm nun einen größeren Stellenwert ein als vorher: Diakone und Diakonissen wurden auf Lehrgängen pädagogisch weitergebildet. Diese Aufgabe übernahm der 1921 gegründete Erziehungsverband "Eckart", der u.a. das Ziel hatte, die Erziehung in den evangelischen Anstalten Westfalens theoretisch zu fundieren.

Führer, Volksgemeinschaft und Ausgliederung

Der Beginn der nationalsozialistischen Ära wurde in Schweicheln erleichtert aufgenommen, weil nun "die Zeit der Liberalisierung und Verunsicherung" vorbei war (Bellingrodt). Ein anderer Geist zog in die Einrichtung ein: Zucht, Ordnung und Gehorsam als neue (alte) Erziehungsideale und ideologische Einflüsse von Volksgemeinschaft und Rassismus vermischten sich.

Das Arbeiten wurde nun als aktives Eintreten für die Volksgemeinschaft betrachtet. Die sportliche Erziehung sollte eine Grundlage für eine gesunde Volksgemeinschaft werden. Im Alltag fand eine Militarisierung statt: Morgens gab es einen Appell zum Antreten, dann ging es im Gleichschritt zur Andacht. Die Unterordnung unter einen Führer - den Erzieher - wurde verlangt. Strafmaßnahmen waren härter und rigoroser als vorher. Die Fürsorgezöglinge gehörten in den Augen der Nazis zu den auszugrenzenden Gruppen von Menschen, die zu einer gesunden Volksgemeinschaft nicht passten. Man betrachtete die Verwahrlosung eines Jugendlichen als ein biologisches Kennzeichen für vermindertes Erbgut.

Wie auch in anderen Fürsorgeheimen ließ das LJA Erbuntersuchungen durchführen, um festzustellen, welche Jugendlichen "gesundes bzw. vermindertes Erbgut" besaßen. Viele evangelische Heimträger waren in den ersten Jahren des Nationalsozialismus offen für die Nazi-Ideologie, denn sie glaubten ihre Interessen endlich wirksam vertreten. Zu Konflikten kam es, als konfessionelle Heime zwangsweise von NS-Behörden übernommen wurden. Auch die Heime in Schweicheln waren dieser Gefahr ausgesetzt: 1938 sollte der Erziehungsverein die drei Heime an die Nazis übergeben, damit diese ein Musterheim einrichten konnten.

Es kam zu langwierigen Verhandlungen, bei denen Bodelschwingh aufgrund seiner weitreichenden Kontakte eine entscheidende Rolle spielen konnte. Erst der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte den Bestrebungen der Nazis ein Ende, und das Heim konnte in seiner alten Form weiterbestehen. An diesem Punkt wurde für die Heimleitung in Schweicheln besonders deutlich, dass der NS-Staat konfessionelle Einflüsse in der Erziehung der Jugend zurückdrängen wollte.

Der Aufbau nach 1945

Nach dem Krieg bemühte sich die Heimleitung - jetzt Bellingrodt jun. - ideologischen Ballast abzuwerfen und den autoritären Geist der NS-Zeit zugunsten einer individualistischen Erziehung zu überwinden. Allmählich wurden in der Pädagogik liberale Tendenzen aus den 20er Jahren aufgegriffen. Das Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen sollte nun im Mittelpunkt des Interesses stehen. Um neue pädagogische Ansätze verwirklichen zu können, mussten die räumlichen Bedingungen dafür geschaffen werden, d.h., die drei Höfe mussten von Grund auf umgebaut werden. Die Zahl der Heimplätze sollte reduziert werden, die Erziehung in familienähnlichen Gruppen stattfinden. Bei den ersten Bauten war die Finanzierung mit öffentlichen Mitteln noch völlig ungesichert. Das Claudius Haus, einGruppenhaus für Mädchen, wurde aus eigener Tasche finanziert. 1955 war dieses Haus fertig :

5 Stationen für je 12 Mädchen, für jede Station ein Tagesraum und ein eigener Waschraum.

Noch individueller gestaltete sich die Wohnform in den 1959 fertig gestellten Gruppenhäusern des Buchenhofes: 15 Jungen bewohnten ein ganzes Haus, jeweils 4 ein Schlafzimmer, für alle zusammen standen mehrere Tagesräume zur Verfügung. In den 60er Jahren wurde der Homberghof von Grund auf umgestaltet. Das alte Fürsorgehaus musste neuen Erziehungshäusern, Wirtschaftsgebäude und Festsaal weichen. Das größte Projekt war der Neubau des Eickhofs in den 70er Jahren. Die Kinder und Jugendlichen, die vorher im Wichernhaus, Luisenhaus, Falkhaus und Eckardtshaus auf relativ engem Raum zusammenlebten, konnten in 11 geräumige Bungalows umziehen. Zu den Bauprojekten zählten noch Schulerweiterung bzw. - Neubau, der Bau des Verwaltungsgebäudes, der Auferstehungskirche, der Turnhalle und des Schwimmbads sowie die Errichtung verschiedener Werkstätten. Die Werkstätten wurden für die Beschäftigung der Schulentlassenen auf dem Buchenhof und Homberghof eingerichtet. In den letzten Jahren erfolgte auch der Ausbau von Werkstätten auf dem Eickhof.

Wandel der Erziehung

In den letzten drei Jahrzehnten hat die Heimerziehung vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen einen spürbaren Wandel vollzogen. Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften haben Eingang in die Erziehung gefunden. Es wurden Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten Jugendlicher erforscht, sozio-ökonomische Hintergründe aufgezeigt, therapeutische Maßnahmen entwickelt, die den Kindern und Jugendlichen helfen sollten, ihr abweichendes Verhalten auszugleichen. Man stellte fest, dass durch die Institution Heim Sekundärschäden bei den Jugendlichen entstehen können. Deshalb sollte die Heimerziehung als letzte aller möglichen Maßnahmen beschlossen und durch Vorfeldarbeit möglichst vermieden werden. Durch diese Entwicklung ging die Zahl der Heimeinweisungen zurück und Heime wurden immer mehr zur letzten Station für verhaltensauffällige Jugendliche.

Anfang der 70er Jahre kam es im Rahmen der Studentenbewegung und APO zu massiver Kritik an den Lebensbedingungen im Heim. Es bestand eine große Diskrepanz zwischen demokratischen Ansprüchen, sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen und der Realität in den Heimen. Unter dem Druck der Öffentlichkeit, die z.T. die Abschaffung der Heime forderte, wurden Zielsetzungen und Maßnahmen der Heimerziehung reflektiert. Die Erziehungsarbeit wurde professioneller, die Maßnahmen gezielter und der Umgang mit den Jugendlichen partnerschaftlicher. Es wurden Bedingungen geschaffen, in denen Kinder individuelle Zuwendung und Entfaltung erfahren konnten. Die Heimerziehung wurde insgesamt mehr nach den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet. Die Eltern, seit dem Jugendhilfsgesetz über die FEH mitspracheberechtigt, wurden in die Arbeit mehr einbezogen. Um institutionelle Folgeschäden zu vermeiden, fand eine Öffnung nach außen statt. Die Kinder erhielten mehr Freiraum, ihr Leben selbst gestalten zu lernen.

Wandlung im Heimalltag

Die tiefgreifenden Wandlungen in der Heimerziehung lassen sich nicht nur an der Architektur, sondern auch im Alltag ablesen. Das Leben kreist nicht mehr um die Pole der Arbeit und des Gebets, sondern ist durch Lernen und Entwicklung im schulischen, handwerklichen, kreativen und sportlichen Bereich gekennzeichnet, vor allem aber durch das Leben in der Kleingruppe und der selbständigen Bewältigung des Alltags jedes Jugendlichen. Im Heim selbst leben die Jugendlichen in Gruppen bis zu 12 Mitgliedern und werden von bis zu 4 Erziehern betreut. Die Erzieher sind nicht mehr Diakone und Diakonissen, sondern ausgebildete Sozialpädagogen und Pädagogen.

Die Jugendlichen besuchen tagsüber entweder die heiminterne Sonderschule, Schulen in Herford, gehen einer internen oder externen Ausbildung nach. Die Schule bemüht sich, individuelle Lerndefizite auszugleichen, indem sie kleine Lerngruppen einrichtet und speziellen Förderunterricht anbietet. Die Eickhof-Schule wird auch von Schülern der näheren Umgebung besucht, so dass sich für die Heimkinder Kontakte nach draußen ergeben. Durch die Arbeitslehre in verschiedenen pädagogischen Werkstätten werden die Schüler an die praktische Arbeitswelt herangeführt. Schulentlassene haben die Möglichkeit, in einer der Werkstätten einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Das vordringliche Ziel der Schule und der Werkstätten besteht darin, die Jugendlichen möglichst mit einem Schulabschluss oder der Gesellenprüfung zu qualifizieren, damit sie auf dem Arbeitsmarkt der 80er Jahre überhaupt eine Einstiegschance erhalten.

Das Leben in der Gruppe und die Gestaltung der Freizeit am Abend, an den Wochenenden und in den Ferien wird von den Jugendlichen selbst organisiert. In den letzten Jahren sind Wohngruppen außerhalb des Heims entstanden, die mit dem traditionellen Heimleben fast nichts mehr gemeinsam haben.

Im Laufe der 110-jährigen Geschichte haben sich die Intentionen, die pädagogischen Maßnahmen und die räumlichen und personellen Bedingungen in der Evangelischen Jugendhilfe ständig gewandelt. Die Wandlungen sind auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in unserem Land. Der christlich-diakonische Auftrag besteht nach wie vor, wird im Alltag der Jugendhilfe jedoch weniger sichtbar.

Kontinuität finden wir darin, dass trotz aller gesellschaftlichen und politischen Veränderungen die Heimerziehung als Hilfe für die am Rande der Gesellschaft stehenden Jugendlichen notwendig bleibt. Die Aufgabenstellung der Heimerziehung ist gleich geblieben: die Defizite der Jugendlichen aufzufangen und auszugleichen und sie wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen war dies früher und ist dies heute noch eine Aufgabe, die den Einsatz der ganzen Persönlichkeit verlangt.

Tradition hat es auch, dass die Jugendlichen dieser Einrichtung nicht die öffentliche Aufmerksamkeit und Akzeptanz erhalten, die sie verdienen - wahrscheinlich, weil die Gesellschaft hier am deutlichsten mit ihren eigenen Defiziten konfrontiert wird.

Quellenhinweis :
Aus dem Buch "Kurzer Abriss der Geschichte der Jugendhilfe Schweicheln" von Eva-Maria Eggert,
April 1988, Archiv der Ev. Jugendhilfe Schweicheln, Hiddenhausen